Etienne

„Homosexualität war früher immer ein Tabuthema“

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Männlich, Homosexuell und Arbeiterkind. Mit dieser Kombination gewinnst Du zwar noch nicht in der Lotterie, aber Du hast es schon mal besser getroffen als Deine heterosexuellen Arbeitskolleginnen. Jedenfalls was Deine Bezahlung im Job angeht gilt: Herzlichen Glückwunsch, in Sachen Gehalt belegst Du nach Deinen heterosexuellen Kollegen und homosexuellen Kolleginnen den vorletzten Platz. Oder den zweiten, wie alles im Leben ist auch das eine Frage der Perspektive. Denn geht es um die am stärksten Betroffenen vom sogenannten Sexuality Pay Gap, dann machst Du einen knappen zweiten Platz, nach Deinen heterosexuellen Kolleginnen.

Was Deine Sexualität angeht möchten wir uns bei Dir bedanken für Deine Offenheit. Denn wie das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) von 2017 des DIW Berlin – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e. V. belegt, zögert die Mehrheit der Menschen, ihre Sexualität als lesbisch, schwul oder bisexuell offen zuzugeben.

Um möglicher Diskriminierung aus dem Weg zu gehen, wirst Du statistisch gesehen, vorerst versuchen oder versucht haben, Deine Sexualität so gut es geht zu verdecken. Womöglich wirst Du sogar vorgeben etwas zu sein, dass Du nicht bist: heterosexuell. Die Forschenden gehen darum in ihren Studien von absichtlichen Falschangaben durch die Teilnehmenden aus, die damit ein vermeintliches Erwartungsbild der Gesellschaft erfüllen wollen. Aufgrund der Falschangaben und Verweigerung von Angaben, wird von einer starken Unterschätzung des Anteils von Lesben, Schwulen und Bisexuellen in der Bevölkerung ausgegangen.

Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Deutschland 2015

Um gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, die eigene Identität unterdrücken

Die Erwartungshaltung seines Umfelds hatte auch Etienne Genedl erfüllen wollen. Für diesen Wunsch, den Erwartungen anderer zu entsprechen, unterdrückte der gebürtige Hesse seine Sexualität und war bereit, den Rest seines Lebens als Ehemann einer Frau zu verbringen. „Ich bin in der christlich-fundamentalistischen Sekte Zeugen Jehovas aufgewachsen. Für mich war Homosexualität früher immer ein Tabuthema und es war ebenfalls vollkommen normal, solche Menschen als absonderlich zu empfinden.“ Die Ehe mit einer Frau hat für den Kunst- und Musikliebhaber nicht funktioniert, aus vielen verschiedenen Gründen nicht. „Natürlich auch wegen meiner Homosexualität.“ 2009 fasste Etienne einen schwerwiegenden Entschluss: „Mit dem Ausstieg aus der Sekte ist mein komplettes gesellschaftliches Umfeld zusammengebrochen.“

In diesem Jahr stellt sich nicht nur das gesellschaftliches Leben des heute 34-Jährigen komplett auf den Kopf, er lernt auch seinen späteren Ehemann kennen.

Nach dem Kennenlernen 2009 in Leipzig machte das Paar 2014 seine Liebe amtlich und dank „Ehe für alle“ hat das Ehepaar seit dem 06.03.2018 praktisch zwei Hochzeitstage.

78 Prozent der Homosexuellen arbeiten in einem festen Angestelltenverhältnis

Selbst wenn Du nicht wie Etienne aus einer Sekte austrittst, kann es Dir passieren, dass sich Dein Leben durch Deine offen gelebte Sexualität auf den Kopf stellt. Trotz „Ehe für alle“ und viel Aufklärungsarbeit durch Organisationen und Verbände gibt es noch immer Menschen, die homosexuelle Menschen als Sonderlinge oder als Randgruppen der Gesellschaft betrachten. Ausgrenzung und Tuschelei kannte Etienne schon früh. Erst dafür, dass er in einer Sekte lebte, dann, dass er aus dieser Sekte ausstieg und heute dafür, dass er einen Mann liebt. Nach dem Ausstieg aus der Sekte hat sich Etienne ein komplett neues Umfeld aufbauen müssen. Er hat sein Wunschstudium Kaukasiologie in Leipzig angefangen und sich ausschließlich in akademischen Kreisen bewegt. Nach dem Master Isländischer Mediävistik in Reykjavík 2015 arbeitet Etienne bei Amazon und dort geriet er wieder in eine vollkommen neue Welt. „Dass ich bei Amazon arbeite, ist erst mal die schiere Notwendigkeit gewesen. Das ist schlicht die Realität nach dem Studium, Du musst den Sprung ins Berufsleben schaffen.“ Bei einem Arbeitgeber wie Amazon, stellt Etienne fest, müsse man mit der Realität leben, mit einem Milieu in Kontakt zu kommen, „das kein Verständnis hat für [z.B.] Männer, die wie Frauen aussehen und Bärte haben.“

Neben Deiner Homosexualität hast Du Deinen Angaben zufolge noch etwas mit Etienne gemeinsam: Deinen Bildungsgrad. Das SOEP zeigt, dass die homo- und bisexuellen Befragten im Schnitt eine höhere Schulbildung als die heterosexuellen vorweisen. 26 Prozent der lesbischen, schwulen oder bisexuellen Befragten hatten einen (Fach-)Hochschulabschluss und 21 Prozent eine (Fach-)Hochschulreife. Von den hetereosexuellen Befragten hatten 10 Prozent die (Fach-)Hochschulreife und 21 Prozent den (Fach-)Hochschulabschluss. Mit dem Abschluss in der Tasche wirst Du aus statistischer Sicht als homosexuelle*r Frau, Mann oder Trans in einem Angestelltenverhältnis arbeiten. Während 11 Prozent der homosexuellen Befragten (23 Prozent der heterosexuellen) Arbeiter*innen waren, befanden sich 78 Prozent in einem festen Angestelltenverhältnis (61 Prozent der heterosexuellen). Allerdings wirst Du vermutlich nicht verbeamtet werden (2 Prozent der Homosexuellen, 6 Prozent unter den Heterosexuellen) und auch nicht im produzierenden Gewerbe, Verkehr, Logistik, Schutz oder Sicherheit tätig sein.

Trotz Deiner höheren Bildung und Qualifizierung wirst Du statistisch gesehen aber weniger verdienen als Deine heterosexuellen Kollegen (18,14 Euro/Stunde). Aber Du bekommst den Trostpreis. Denn gegenüber Deinen heterosexuellen Kolleginnen (14,40 Euro/Stunde) verdienst Du, egal ob homosexueller Mann (16 Euro/Stunde) oder homosexuelle Frau (16,44 Euro/Stunde) mehr. Die Forschung bezeichnet dieses Phänomen in Anlehnung an den Gender Pay Gap als den „Sexuality Pay Gap“.

Sexuality Pay Gap

Vergütung pro Stunde bei gleicher Qualifikation, Branche und Tätigkeit

Kämpfen oder die eigenen Ressourcen sparen?

Seit Juni 2016 ist Etienne Teamleiter von 16 Mitarbeitern, vom Sexuality Pay Gap bekommt er bei Amazon nichts mit. „Das gibt es nicht. Bei Amazon wird das über sogenannte Joblevel geregelt. Egal welches Geschlecht, welche Religion oder welche Sexualität, du hast ein Joblevel. Das sind die jeweils vergleichbaren Tätigkeiten der verschiedenen Abteilungen und die erhalten alle die gleiche Vergütung.“

Du wirst im Vergleich zu Heterosexuellen rein statistisch mehr Stress im Leben spüren, denn Du befindest Dich im täglichen Kampf mit Dir selbst: kämpfen oder Ressourcen sparen? Alltagsdiskriminierung, Stigmatisierung und Ungerechtigkeit verursachen Stress. Der dauerhafte Stress führt wiederum, so die Studie, dazu, dass im Vergleich zu den heterosexuell orientierten Befragten (10 Prozent), doppelt so viele der lesbisch, schwul oder bisexuell orientierten Befragten angaben, dass bei ihnen schon einmal eine depressive Erkrankung diagnostiziert wurde (20 Prozent). Auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (ganz und gar zufrieden) bewerteten die lesbisch, schwul und bisexuell orientierten Befragten ihre allgemeine Lebenszufriedenheit im Schnitt mit einer 7,0, die heterosexuell orientierten Befragten waren mit 7,4 etwas zufriedener.

Etienne

„Ich habe keinen Bock mehr auf den Scheiß. Ich will, dass das aufhört.“

Etienne hat auf jeden Fall nicht die Absicht, sich in seiner Lebensführung einschränken zu lassen und das wirst Du mit Sicherheit auch nicht. Er entschied sich im konkreten Fall für Konfrontation:

„Ich habe einen Mitarbeiter zur Rede gestellt und gesagt ‚Hör zu, ich habe keinen Bock mehr auf den Scheiß. Ich will, dass das aufhört.‘ Er hat es später abgestritten, das wären doch alles nur Missverständnisse gewesen.“ Aber Etienne wusste genau, womit er es zu tun hatte. Er wisse, wie die Leute seien und habe das viele Jahre vorher erlebt, wie es sei, wenn Menschen tuschelten. „Da kann mir hinterher keiner einen Bären aufbinden.“ Dennoch hat er die Sache auf sich beruhen lassen. „Mir war es wichtiger, meine Ruhe zu haben.“

Etienne hat zwar keine systematische Diskriminierung an seinem Arbeitsplatz erlebt, dennoch ist ihm bewusst, aufgrund seiner Homosexualität jederzeit zur Zielscheibe werden zu können.

„Die Angst bleibt, dass, egal wie du dich verhältst, am Schluss du derjenige bist, der in irgendeiner Form nochmal zusätzlich ausgegrenzt wird.“ Diese Angst schwinge immer mit. Es könne Schwulen- und Lesbenverbände geben, Arbeitsgruppen in Firmen. „Am Schluss, sobald du zu irgendeiner vermeintlichen Minderheit gehörst, wirst du immer diese Angst haben, dass letztlich deine Rechte nicht gewahrt werden.“



Dieser Text wurde für Dich ausgewählt, weil Du angegeben hast, homosexuell zu sein. Außerdem hast Du angegeben, dass Du ein Arbeiterkind bist. Diese zweite Eigenschaft wird auch in diesem Text näher beleuchtet. Wenn Dich interessiert, was andere Menschen beschäftigt, kannst Du einfach den Test mit anderen Antworten wiederholen oder Dir unsere anderen Geschichten durchlesen:

Das Projekt Choose Your Own Future ist entstanden, weil wir uns damit auseinandergesetzt haben, wie bestimmte Merkmale das Leben vieler Menschen beeinflussen. Merkmale, an denen wir häufig wenig ändern können.

Es gibt viele Merkmale, die dazu führen können, dass Menschen diskriminiert werden. Wir können uns nicht mit allen davon auseinandersetzen, sondern mussten einige auswählen. Das heißt nicht, dass Eigenschaften, die hier nicht erwähnt werden, zu weniger Diskriminierung führen. Leid lässt sich nicht gegeneinander aufwiegen. Wir haben uns dafür entschieden, die Merkmale in folgender Reihenfolge abzufragen: Geschlecht > Bildungsgrad der Eltern > Sexuelle Orientierung > Migrationshintergrund. Sie könnten aber auch in jeder anderen Reihenfolge stehen.

Auch in unseren Texten mussten wir uns beschränken. Deswegen haben wir uns entschieden, nicht mehr als zwei statistische Merkmale in einem Text zusammenzufassen. Ein weibliches Arbeiterkind mit Migrationshintergrund wird also trotzdem nur bei dem Text über Arbeiterkinder mit Migrationshintergrund landen, der sich vor allem mit dem Migrationshintergrund beschäftigt.